Niels Paulini

Shendao - Energie - Herz - Geist

Psychosomatik in der Chinesischen Medizin

Psychosomatik in der Chinesischen Medizin

Psychosomatik bezeichnet die Wechselwirkung zwischen Körper (Soma) und dem geistig-seelischen Aspekt (Psyche) des Menschen. Sie befasst sich mit seelisch bedingten Krankheiten, die körperliche Veränderungen und Symptome verursachen.
Der Einfluss immaterieller Lebensvorgänge auf Körperfunktionen wird heutzutage in der westlichen Medizin zunehmend anerkannt. In der Chinesischen Medizin ist dies der grundlegendste Ansatz. Man arbeitet mit dem Qi, der Lebensenergie. Somit gibt es in der Chinesischen Medizin keine dualistische Herangehensweise, in der Psyche (Seele) und Soma (Körper) nur gleichberechtigt nebeneinander stehen. Vielmehr wird eine dynamische Wechselwirkung beider Aspekte konsequent berücksichtigt. Das Qi ist dabei als Bindeglied zwischen Geist und Körper zu verstehen. Es ist weder materiell noch geistig. Das Prinzip des „Sowohl als auch“ ersetzt in der Chinesischen Medizin stets das „Entweder oder“. Im Westen wurde eine ausgefeilte Anatomie des Stofflichen entwickelt. In der Chinesischen Medizin kann man das Leitbahnen-System, in dem das Qi fließt, als energetische Anatomie und als Äquivalent zur westlichen Anatomie des Körpers betrachten.

Die Zuordnung emotionaler Zustände zu inneren Organen spielt in der therapeutischen Praxis eine große Rolle und prägt die gesamte Physiologie und Pathologie der Chinesischen Medizin. Das Herz gilt als Wohnsitz des Geistes (Shen) und als die wichtigste Instanz für Gesundheit und Wohlbefinden. Es wird von allen Emotionen beeinflusst, welche stets Ausdruck und Manifestationen des Qi sind. Das Herz als Kaiser der inneren Hierarchie muss frei sein, um weise und bedacht sein Königreich, den Körper, zu regieren. Die Wirkung von Emotionen als Ausdruck der Psyche hat gerade bei chronischen Erkrankung immense Bedeutung. Dies wird in der ganzheitlichen Therapie stets berücksichtigt.
In der heutigen modernen Medizin gibt es unterschiedliche Konzepte und Erklärungsversuche, warum seelische Leiden sich körperlich manifestieren. In der Psychoanalyse spricht man zum Beispiel von „Übersetzung“ unbewusster seelischer Zustände. In der Lerntheorie geht man von erlernten Kreisläufen aus. Auch neurobiologische Modelle und biopsychosoziale Ansätze werden diskutiert. Hier liefert das energetische Verständnis der Chinesische Medizin ein wirkungsvolles Instrument.
Ein wesentliches Konzept der Chinesischen Medizin für diese Zusammenhänge ist die Qi-Stagnation. Die Lebensenergie kann nicht mehr frei fließen und es kommt zu Schmerzen und Unbehagen bis hin zu Depressionen.
Im Qi Gong und in der Akupunktur gilt folgendes Prinzip: „Yi dao, Qi dao“, d. h. Aufmerksamkeit lenkt Energie. Nun ist es von großer Wichtigkeit, nicht nur das Qi in den Leitbahnen zu bewegen, sondern auch die geistig-seelische Verfassung zu berücksichtigen, die zur Stagnation der Lebensenergie geführt hat. Dies können vor allem innere Widerstände sein. Das Wesen des Qi ist der Wandel und die Veränderung. Wenn das Bewusstsein zu starr wird und an gewissen Lebensumständen, Gewohnheitsmustern oder Glaubenssätzen festhält, kann es zu Stagnationen kommen, die sich erst emotional und dann auch körperlich manifestieren.
So wird eine klassische Qi-Stagnation mit folgenden Symptomen beschriebenen: Spannungsgefühle, Völlegefühle, häufiges Seufzen, das Gefühl festzustecken, reizbar, aggressiv, depressiv, bedrückendes Gefühl und Stimmungsschwankungen.
Die Chinesische Medizin ist eine energetische Medizin. Als solche ist sie eng mit dem Bewusstseinszustand des Menschen verbunden. Energiemedizin ist stets Bewusstseinsmedizin, denn die Ausrichtung des Bewusstsein ist das oberste Prinzip für den Energiefluss. Somit ist es von entscheidender Bedeutung, in der Therapie gemeinsam die Entwicklung des Bewusstsein und des Herzens, als Wohnstätte des Geistes, zu berücksichtigen.
In der Akupunktur gilt es als grundlegend, den Geist während der Sitzung zu verwurzeln. Das bedeutet, dass er über das Erspüren des Körpers im Hier und Jetzt verankert wird. Somit kann er zur Ruhe kommen und Heilung kann entstehen. Dies geschieht einerseits über die Nadeln selbst und andererseits durch eine gezielte Bewusstseinsausrichtung mithilfe des Therapeuten.
Neben der Beratung für einen gesunden Alltag, gibt es in den fernöstlichen Traditionen und in der Chinesischen Medizin Methoden der Bewusstseinsarbeit und des Qi Gong, die es dem Patienten ermöglichen, eigenmächtig auf die Gesundheit von Körper und Geist einzuwirken und das Qi im harmonischen Fluss zu halten.
Dies entspricht dem Ansatz von Ben (Wurzel) und Biao (Zweig). Krankheitsmuster werden somit nicht nur symptomatisch (Zweig) behandelt, sondern ursächlich (Wurzel). Die Ursache kann oft im Alltag gefunden werden, den wir nach unseren jeweiligen Bewusstseinszustand gestalten. Natürlich kann dies nicht verallgemeinert werden, doch zeigt die klinische Praxis, dass dies für eine Vielzahl von Menschen zutrifft. Das ermöglicht eine Neustrukturierung des Alltags und eine proaktive Gestaltung eines gesundheitsförderlichen Lebenswandels. Dazu gehört neben dem Erkennen einschränkender Gewohnheitsenergien vor allem der konstruktive Umgang mit herausfordernden Emotionen.
Somit eignet sich Chinesische Medizin auch für Menschen, die bereit sind, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Die Eigenermächtigung ist gerade bei psychosomatischen Beschwerden von großer Bedeutung, denn sie vermittelt den Menschen das Gefühl selbst etwas tun zu können und nicht ausgeliefert zu sein.
Dabei können Qi Gong und Akupunktur wichtige Aspekt der ganzheitlichen Therapie sein. Einerseits bietet Qi Gong Hilfe zur Selbsthilfe, indem die Übungen und Wirkungsprinzipien in den Alltag integriert werden. Andererseits kann Akupunktur nicht nur die Lebensenergie stärken und in Fluss bringen, sondern auch über das Qi und bestimmte Akupunkturpunkte die innere Ebene der Organe erreichen, welche auch als Wu Shenzang 五神藏 (fünf Geist-Speicher) bezeichnet werden.