Niels Paulini

Shendao - Energie - Herz - Geist

Das Dao der Gesundheit

Das Dao der Gesundheit
Wissen und Nichtwissen


Alle Krankheit kommt aus dem Geist (Shen) steht im ersten Kapitel des Gelben Kaisers (Huang Di Neijing), des wichtigsten Werkes der Chinesischen Medizin. Gesundheit wird dort als ein Leben beschrieben, dass in Übereinstimmung mit dem großen Ganzen, dem Dao gelebt wird.
Chinesische Medizin ist eine praktische und alltagstaugliche Medizin, um den Menschen auf dem Weg zum Dao zu begleiten. Sie selbst stammt aus dem Dao und weist den Weg dorthin zurück, denn im daoistischen Klassiker Wuzhen Pian (Buch über das Erwachen zur Wirklichkeit) heißt es: „Zur Wurzel zurückzukehren, zum Ursprung umzukehren – das ist die Königsarznei.“
Gesundheit ist also der Weg des Dao und im Dao De Jing, dem großen Weisheitsbuch der Chinesen, welches letztendlich auch Grundlage für das Verständnis der Chinesischen Medizin ist, findet man eine klare Definition für Krankheit und somit das Abweichen vom Dao.

„Wissen, dass man nichts weiß, ist das Höchste.
Nichtwissen für Wissen halten, ist krank.
Nur wer sein Kranksein leid ist, wird frei vom Kranksein.
Der Weise ist nicht krank.
Weil er sein Kranksein leid ist,
daher ist er nicht krank.
(Laozi – Dao De Jing Kapitel 71)

Der Weise weiß, dass er nichts weiß und verwechselt sein Nichtwissen nicht mit Wissen; und nur das lässt ihn gesund sein. Sobald der Mensch sein Nichtwissen für Wissen hält, entsteht Krankheit. Er erschöpft sein Qi, seine Lebensenergie in seinem Alltag. Im Alltag mit all seinen Herausforderungen liegt der Schlüssel zu Gesundheit und Heilung – die Chinesen nenne das Yang Sheng (Lebenspflege). Der Alltag wird gestaltet nach all den Überzeugungen, Glaubensmustern und Gewohnheiten, die dann oft das Qi aufbrauchen. Daher steht im Gelben Kaiser als wichtigste Ursache für Erkrankungen, dass jede Krankheit aus dem Geist (Shen) kommt.

Nichtwissen für Wissen halten bedeutet, dass man Gedanken glaubt und dass man Emotionen persönlich nimmt. Deswegen wird in der Chinesischen Medizin und im Daoismus unterschieden zwischen Shen (Geist) und Yuan Shen (Ursprünglicher Geist) – Yin und Yang.
Shen beschreibt Gedanken, Emotionen und jede Verstandesaktivität. Yuan Shen ist die Fähigkeit wahrzunehmen, dass da Gedanken und Emotionen auftauchen und wieder vergehen. Yuan Shen ist der Raum in dem alle Gedanken und Emotionen in Erscheinung treten. Somit beschreibt Shen (Geist) nur Inhalte im Raum.
Wenn man Nichtwissen für Wissen hält, dann hält man Gedanken und Emotionen für die Wahrheit und verliert das Bewusstsein für die Qualität des Raumes, die Fähigkeit Gedanken und Gefühle wahrzunehmen.
Der Weise hält Gedanken und Emotionen nicht für Wissen, sondern beobachtet sie. Er ist es leid sie für die Wahrheit zu halten. Deswegen handelt er nicht reaktiv, wie derjenige, dessen Wunsch nach Anerkennung und Sicherheit ihn auch am Wochenende ins Büro und ins Burn Out lauf lässt. Ist da Wut, wenn Dein Partner oder Kollege Dich kritisiert? Hast Du das Gefühl noch irgendetwas erreichen zu müssen? Fehlt Dir noch etwas zum Glücklichsein? Hättest Du die Dinge gerne unter Kontrolle? Sollte Dein Körper sich anders anfühlen oder gesünder sein? Wie auch immer die Inhalte des Shen im Raum Deiner Wahrnehmung aussehen, sie haben nichts mit Dir zu tun. Und wenn Du glaubst, sie hätten etwas mit Dir zu tun, dann hältst Du Nichtwissen für Wissen. Sind Deine Gedanken wirklich wahr?
Erst wenn wir verstehen, dass es nichts zu verstehen gibt, weil Verstandesaktivität die Wurzel (Ben) des Krankseins ist, entsteht Gesundheit. Solange wir denken, die Lösung läge im Denken, verwechseln wir Nichtwissen mit Wissen.
Gandhi sagte: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Weil eine mit Verstandesaktivitäten identifizierte Menschheit immer nur den gleichen Wahnsinn mit anderen Technologien reproduziert und weiter Kriege führt. Ob auf der Arbeit mit Kollegen, nach Feierabend mit der Partnerin, weil sie sich nicht so verhalten hat, wie mein Verstand es gerne hätte, in Afrika oder im Nahen Osten oder sonst wo. Die Wurzel der Krankheit bleibt die selbe – Nichtwissen für Wissen halten.
Wahres Wissen und somit Gesundheit liegt jenseits des Denkens und des Verstehens. Wahres Wissen kannst Du Dir nicht aneignen, aber durch Loslassen kannst Du Raum dafür schaffen.

„Wer sich dem Lernen widmet, vermehrt sein Wissen Tag für Tag.
Wer sich dem Dao widmet, vermindert es Tag für Tag
vermindert es und vermindert es, bis er dahin kommt
nicht mehr einzugreifen.
Nichts dazutun läßt nichts ungetan.“
(Laozi – Dao De Jing Kapitel 48)

Wenn Du nicht mehr reagieren musst, weil irgendjemand irgendetwas getan hat, von dem Du glaubst zu wissen, dass es hätte anders sein sollen, dann betrittst Du den Pfad der Gesundheit und des Dao.
Wenn Du all Deine Bedürftigkeit und Begierde als Qi-Feld in Deinem Körper spürst, ohne damit irgendetwas tun zu müssen, dann öffnet sich der Raum für Frieden und Gesundheit. Du spürst die emotionale Ladung, bist Dir darüber bewusst, wie sie aufsteigt und Gedanken formt, die ihrer eigen Qi-Qualität entsprechen und lässt es sein wie es ist. Wut produziert wütende Gedanken und Angst erzählt schreckliche Geschichten. Du verweilst im Raum und beobachtest ohne etwas tun zu müssen. Kannst Du Dir gestatten all das voll und ganz in Dein Bewusstsein treten zu lassen?
Wenn Du denkst und wenn Du fühlst, sei Dir bewusst, dass Du denkst und dass Du fühlst und dass all das nur Erscheinungen im Raum Deiner Wahrnehmung sind, in dem Raum, der Du bist. Du bist nicht was Du denkst oder was Du fühlst, sondern Du bist das Bewusstsein, dass fühlt und denkt.
So wie ein Ton die Stille braucht, um in Erscheinung zu treten, so braucht eine Emotion den Raum und die Stille des ursprünglichen Geistes (Yuan Shen) um aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Die Essenz des Raumes wird dadurch nicht beeinträchtigt.
Es bleibt unsere Entscheidung. Entweder treten wir ein in den Raum in dem alles in Erscheinung tritt und beobachten das Spiel der Formen und Inhalte oder wir halten uns selbst für die Dinge im Raum und kranken an der Welt.
Wie dem auch sei – das Dao bleibt davon unberührt.