Niels Paulini

Shendao - Energie - Herz - Geist

Feuer und Wasser - Angst und das erwachte Herz

Feuer und Wasser
Angst und das erwachte Herz


Feuer und Wasser repräsentieren das höchste Yang und das tiefste Yin. Zum Yin des Wassers gehören auf der körperlichen Ebene die Nieren, der emotionale Aspekt ist die Angst und der geistig-seelische Anteil ist unser Wille. Das Herz repräsentiert das Feuer und die unerlöste Emotion des Herzens ist die Begierde. Auf der geistig-seelischen Ebene ruht der Geist im Herzen.

In der Chinesischen Medizin ist das Verhältnis von Yin und Yang, von Wasser und Feuer sowie von Herz und Nieren die entscheidende Komponente für die Gesundheit von Körper, Geist und Seele.

Die vorgeburtliche Erfahrung nach der Empfängnis ist davon geprägt, dass alles was der Organismus zum Leben braucht, vorhanden ist und mühelos ohne jegliches Zutun erhält. Dies ist die erste Erfahrung in der Dualität von Yin und Yang. Die Chinesen nennen diesen Bewusstseinszustand Wu Wei – nicht eingreifen müssen, in dem tieferen Wissen, dass sich das Leben selbst genügt.

Mit der Geburt folgt die Erfahrung der Ohnmacht und Todesangst, die Erfahrung der Abhängigkeit von anderen und das Bewusstsein dafür, nicht alleine überleben zu können.

Im Laufe der Zeit werden all unsere Programme und Manipulationen, alle Strategien und Varianten, um uns den Zuspruch der anderen und damit unser Überleben zu sichern, in unserem Speicherbewusstsein, im Rucksack unserer Seele (Hun) abgespeichert. Hun wird auch oft mit Wanderseele übersetzt und ist in der Leber beheimatet und im Blut verwurzelt. So wie die Leber aus Sicht der Chinesischen Medizin das Blut speichert, so speichert Hun alle Eindrücke und Erfahrungen. Die Leber und Hun entsprechen dem Holz-Element und repräsentieren das kleine Yang. Die Inhalte aus dem Hun drängen beständig nach oben ins Bewusstsein, in den Geist des Feuer-Elementes. Wenn der Mensch sich mit den Inhalten des Geistes identifiziert anstatt mit dem Geist selbst, gestaltet er mit all den im Hun gespeicherten Strategien und reaktiven Verhaltensmustern seinen Alltag. Somit wird das Leben ein Kampf, die Aufmerksamkeit und damit die Energie ist nach außen gerichtet. Ständig scheint es so, als gäbe es etwas zu erreichen. Alles sollte anders sein. Auch wenn der Körper reift, der Handlungsspielraum zunimmt, bleiben die Angst und das Getriebensein. Beides füttert die Begierde des kindlichen Herzens. Das Herz des Kindes muss empfangen. Das Herz des Erwachsenen kann geben, ohne etwas zu wollen. Der Wille und die Angst liegen im Wasser nahe beieinander.

Da das Yang, das Feuer des Herzens und des Geistes im Yin des Wassers wurzelt, wurzelt der Geist in der Angst. Der mit den Gedanken und Gefühlen identifizierrte Geist (Shen) ist nicht der ursprüngliche Geist (Yuan Shen). Der ursprüngliche Geist ist der Raum und die Fähigkeit überhaupt die Gedanken und Gefühle wahrzunehmen.

Wenn sich der Geist in seinen Inhalten verliert, ist er mit der kindlichen Angst ums Überleben und all den Strategien zum Vermeiden dieser Angst identifiziert, welche beständig aus dem Hun an die Oberfläche drängen. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist, dass die Leber und somit der Hun mit den Augen verbunden sind. Somit strukturieren die Inhalte des Hun im wahrsten Sinne des Wortes das eigene Weltbild. Dies ist der tiefere Grund für die Stagnation der Lebensenergie Qi, welche in der Chinesischen Medizin als Ursache des Schmerzes gilt. Aufgrund dieser Erfahrungen gestaltet der Mensch sein Leben immer wieder nach den gleichen Strategien, kreiert Wiederholungen und Widerstände und erschöpft das Qi. Dies erklärt auch, warum in der Chinesischen Medizin als erste Ursache von Krankheiten stets Störungen im Geist (Shen) angenommen werden.

Deswegen berücksichtigt die ganzheitliche Medizin nicht nur die Linderung körperlicher Symptome, sondern befasst sich mit dem Erkennen, Bewusstwerden und Beheben der Ursachen. Das nennt man in der Chinesischen Medizin Wurzel (Ben) und Zweig (Biao). Da der geistig-seelische Aspekt Yi (Fokus/Ratio) die Lebensenergie Qi lenkt und als Teil des Geistes (Shen) ebenfalls von den Ängsten und Vermeidungsstrategien beeinflusst ist, bleibt jedes Streben ein kindlicher Wunsch nach Sicherheit, Anerkennung und Kontrolle. Damit fließt die Lebensenergie beständig nach außen und man vergisst, dass alle Wünsche unerfüllt bleiben müssen, weil diese die tiefer liegende Angst nicht stillen. Somit erschöpft sich das Qi und das Leben ist ein Kampf, eine nicht enden wollende Anstrengung. Im Dao De Jing, dem großen Weisheitsbuch der Chinesen steht geschrieben:

„Wunschlosigkeit macht still und die Welt wird von selber Recht.“

Begierde als die unerlöste Emotion des Herzens ist auch Angst. Wünsche sind Ängste. Ängste sind die Wurzel des Egos oder des mit den Inhalten identifizierten Geistes (Shen). Im Huang Di Nei Jing, dem Klassiker des Gelben Kaisers und dem bis heute wichtigsten Lehrbuch der Chinesischen Medizin, steht im ersten Kapitel für Ursachen, dass letztendlich jede Krankheit aus genau diesem Geist (Shen) kommt.

Ganzheitliche Heilung ist somit immer auch ein mystischer Pfad zum erwachten Herzen, das immer freier wird von der kindlichen Begierde und all den Wünschen.

Dieser Pfad führt Dich in Deine Angst, konfrontiert Dich zu erst mit all Deinen Qi-Stagnationen und Widerständen, drischt Dich weich, bis die Instanz in Dir aufgibt, die noch immer glaubt, kämpfen zu müssen. Wenn Du alle Waffen niederlegst und erkennst, dass es nichts zu bekämpfen gibt und nichts zu verändern gibt, weil all die Ängste nur Fantasien aus der Vergangenheit sind, dann erwacht das Herz. Erst dann erwächst Du aus den Widerständen im Holz-Element in das erwachte und erwachsene Herz des Feuers. Das Shen Ming (Leuchten des Geistes) erstrahlt und die Wünsche fallen von Dir ab und sind zugleich erfüllt. Das Qi kann endlich wirklich frei fließen, Du stellst Dich zur Verfügung und folgst dem Fluss der Energie. Du kehrst zurück zum ursprünglichen Geist (Yuan Shen), zu wahrer Gesundheit, zum Wu Wei – nichts tun und alles wird getan...