Niels Paulini

Shendao - Energie - Herz - Geist

Das Dao des Herbstes

Das Dao des Herbstes

So wie dem Menschen die drei Schätze (San Bao) Essenz (Jing), Energie (Qi) und Geist (Shen) als Wesensmerkmale eigen sind, enthalten auch alle Lehren der Chinesischen Medizin drei Weisheitsebenen bzw. drei Schätze. Diese bergen wichtige Schlüssel für ein Leben im Einklang mit den Wandlungen der Natur und somit für ein freudvolles und gesundes Leben. Die Wandlungen lassen die Tage kürzer werden, das Licht (Yang) nimmt ab und die energetischen Bewegungen richten sich nach innen und unten, was uns die Bäume besonders deutlich vor Augen führen.
Dies entspricht auf der ersten Ebene der Wandlungsphase Metall und der Lunge, welche das Qi des Kosmos in die Tiefen des Körpers zieht. Der Gelbe Kaiser (Su Wen Kap.2) rät uns:

„Man sammle seinen Geist und beruhige das Qi, um die Einflüsse des Herbstes auszugleichen. Man richte seine Sinne nicht mehr auf das, was außerhalb eines selbst ist und bewirke so eine Klärung des Qi der Lunge. Das ist Übereinstimmung mit dem Qi des Herbstes. Das ist der Weg (Dao), das Bewahren und Sammeln zu fördern."


Die kosmologischen Bezüge in der Chinesischen Medizin im Zusammenhang mit dem Herbst führen uns weiter zum zweiten Schatz. Die Sammlung des Geistes auf der ersten Ebene des Metalls vertieft sich. Hierauf weisen uns die entsprechenden Meridiane hin. Die Monate September/Oktober entsprechen vor allem dem Qi des Nieren-Meridians. Der chinesische Name für diesen Meridian ist Shao Yin, das kleine oder sich verringernde Yin. Der materielle Überfluss (Yin) der Natur in den Sommermonaten stirbt und verliert an Bedeutung. Das sich verringernde Yin (Shao Yin) verweist auf die Wichtigkeit des Geistes. Die Niere (Wasser) und das Herz (Feuer) gelten in der Wasser-Feuer-Achse als die himmlischen und somit vordergründig geistigen Organe, wobei die Niere als Minister dem Herz-Kaiser unterstellt ist. Das Loslassen des Materiellen schafft Raum für die Verbindung von Geist (Shen) und Essenz (Jing) und somit der Erforschung unseres wahren Wesens.
Das Buch der Wandlungen (Yijing) als eines der ältesten bekannten Weisheitsbücher der Menschheit eröffnet uns noch eine weitere Perspektive auf der dritten Ebene. Das Yijing galt schon im Altertum als eine der wichtigsten Quellen für geistige und medizinische Gesetzmäßigkeiten. Zhang Jiebin schrieb im Leijing:

„Die Medizin und die Wandlungen haben denselben Ursprung.“

Somit dienen uns die Symbole des Yijing (Hexagramme) nicht nur als Spiegel geistiger Gesetze in einer materiellen Welt, sondern eben auch als Medizin. Denn höchste Medizin bedeutet den Wandlungen zu folgen (shun).

„Nur die Weisen sind folgsam. Daher bleiben ihre Körper frei von außergewöhnlichen Krankheiten.“ (Su Wen Kap. 2)

Das Kalenderhexagramm für den chinesischen achten Monat (September/Oktober) ist Guan (Hexagramm 20). Guan ist „Die Anschauung“. Das Schriftzeichen besteht aus den Zeichen für einen Uhu und aus dem Zeichen für sehen. Es bedeutet also, mit den Augen eines Uhus zu sehen. Dies verweist auf die Fähigkeit im Dunkeln aus der Vogelperspektive Dinge klar zu erkennen und zu greifen mit der Präzision eines nächtlichen Jägers. Es geht um Intuition und Weisheit, welche mit der hier beschriebenen geistigen Vertiefung einhergehen. Der Sinologe Frank Fiedeler schreibt in seiner Übersetzung des Yijing dazu:

„So bedeutet das Hexagramm in der Übertragung auf menschliche Verhältnisse die Idee einer Wesensschau der Welt und der eigenen Existenz in ihrer vom Himmel gegebenen Vollkommenheit, um sein Denken und Handeln danach auszurichten.“

Die Energie des Herbstes weist uns den Weg nach innen und zur Ergründung unseres wahren Wesens, um dies dann im Frühjahr mit dem Erwachen der Natur auch in der materiellen Welt zu manifestieren.